Hunde Dominanz

Die große Welt der Tierheilkunde

Der Artikel wurde veröffentlicht in: Die große Welt der Tierheilkunde ISBN 978-3-86858-790-6  Abbas Schirmohammadi Monika H. Schmalstieg                                                                           

Der hartnäckige Mythos vom dominanten Hund

Wann immer Hunde unerwünschtes Verhalten zeigen und sich die besorgten Hundebesitzer Hilfe von Hundeexperten erhoffen, fallen leider immer noch Wörter der „alten Garde“, wie Unterordnung, Dominanz, Alphatier oder schlimmer: „Sie haben Ihren Hund nicht im Griff, Sie müssen ihm zeigen, wer der Herr ist, Sie machen alles verkehrt!“ usw. usw….

Natürlich ist es ziemlich einfach, vorhandene Probleme auf die Rangordnung zu schieben und damit den Hund auf sein Bestreben nach dem Chefsessel zu reduzieren.

Aber: Nicht jeder Hund, der mal im Weg liegt oder seinen Knochen nicht hergeben will, strebt gleich nach Höherem. Ein Hund nimmt einfach was er kriegen kann an Ressourcen, wie Futter, Liegeplatz oder Zuwendung. Außerdem kann man Hunden sehr wohl zutrauen, den Unterschied zwischen Mensch und Hund zu kennen: Sie lernen durch Beobachtung unser Verhalten zu interpretieren, merken auch, wer in der menschlichen Familie das Sagen hat, und manchmal gibt es da eben auch Missverständnisse in der Kommunikation. Eine Umarmung ist für einen Hund beispielsweise sehr unnatürlich, er lernt aber mit der Zeit, dass es positiv gemeint ist. Das gleiche gilt für das obligatorische „Kopf-tätscheln“: eine grobe Unhöflichkeit in der Welt des Hundes. Reagiert ein Hund daraufhin mit Knurren, hat er weder eine Verhaltensstörung, noch ist er dominant, er zeigt ganz simple eine natürliche Reaktion auf dieses unhöfliche Verhalten.

Bei Hundebegegnungen erfolgt, trotz aller Menschenbezogenheit, dann doch das reine „hundenatürliche“ Verhalten mit all seinen Signalen und manchmal auch mit Aggression. Ob Fiffi oder Riese, das spielt bei Hunden eine sekundäre Rolle.

In meiner bisherigen Tätigkeit bin ich noch auf keinen Hund gestoßen, der den sog. „Alphastatus“ anstreben wollte, das wäre für die Hunde auch ziemlich anstrengend, Hunde gehen da den bequemeren Weg und bequemer lebt es sich zweifellos als Mitglied in einem Familienverbund.

Die früheren Wolfsforscher beobachteten Wölfe, oft auch noch zusammen gewürfelt,  in Gefangenschaft, hier liegt vielleicht die Ursache des Übels oder des Irrtums. Neue Verhaltensforschungen ergaben da ganz andere Ergebnisse: Frei lebende Wölfe sind weit weniger aggressiv weil es sich bei dem Rudel ganz einfach um eine Familie handelt und die Eltern gehen sehr souverän und  geduldig mit ihren Jungen um. Die ständige Behauptung der Chefposition ist dort überhaupt nicht das Thema, es ist hingegen eine friedliche, entspannte Co-Existenz mit genügend Freiraum. Auch unter einem Rudel von Streunerhunden konnte ich das gleiche beobachten: dies war keine natürliche Familie aber sie trafen sich täglich und kümmerten sich abwechselnd um die Jungtiere. Es gab keine Anzeichen von Aggression oder Hierarchie-Streitigkeiten. Jeder, auch ein älterer Rüde, hatte seinen selbstverständlichen Platz und ging auch mal eigene Wege. Es war eine friedliche Zweckgemeinschaft mit einer natürlichen Hierarchie.

Wie irritierend und einschüchternd müssen also, aus Hundesicht,  unsere übertriebenen Reaktionen bzgl. Rangordnung sein, wenn wir bei jeder Kleinigkeit unseren Status untermauern wollen und unverzüglich Unterordnung fordern? Oder gar den sog. Alpha-Wurf anwenden? Sind wir dann souverän, stark und vertrauenswürdig oder wirken wir nicht eher unberechenbar, aggressiv und unsicher?

Hier kann dann wirklich ein fataler Kreislauf beginnen, an dessen Ende, häufig genug, ein Hundebiss und eine Trennung stehen.

Die Zauberworte sind also, auch bei selbstbewussten Hunden, Ruhe, Konsequenz, Gelassenheit und positive Bestärkung.

Zum Wohle des Hundes und zum Wohle einer vertrauensvollen Bindung sollte man also schnell Kehrtmachen, wenn diese überstrapazierten, völlig überholten Begriffe wie Dominanz, Rangordnung oder gar Unterwerfung beim Hundetraining öfter auftauchen.

Inzwischen gibt es, erfreulicherweise, eine neue Generation an Hundetrainern, die sich den neuen Erkenntnissen nicht verschließt, die engagiert, respektvoll, und, vor allen Dingen individuell mit Mensch und Hund arbeitet. Denn Hunde, und auch ihre Menschen,  haben lange genug unter dem veralteten Erziehungsdogma leiden müssen, bei dem total übersehen wurde, dass jeder Hund auch seine eigene Persönlichkeit hat und jede Mensch-Hund-Beziehung ihre ganz eigene Energie.

Es mag vielleicht anstrengender sein, sich mit dem Kommunikations- und Lernverhalten seines Hundes zu beschäftigen und langsam „seine Welt“ zu begreifen, es erwachsen daraus aber unglaublich schöne „Aha-Momente“ und vor allen Dingen wächst das gegenseitige Vertrauen, die Basis für ein faires Zusammenleben. Und ist das nicht mehr wert als ständiger, unbedingter Gehorsam um jeden Preis?